Die Dinge sind weder gut noch schlecht, von Gerhard Albrecht

Ergolding, den 05.07.2008
1984 kam ich durch meine Suche nach Meditationsmöglichkeiten nach Köln zu einem Konzert von Sri Chinmoy. Obwohl ich damals nicht wusste, was ein Meister oder Guru ist und was es damit auf sich hat, ging ich danach beeindruckt von der unkonventionellen Spielweise der Musikinstrumente und der Ausstrahlung von Sri Chimnoy in ein Meditationszentrum von Sri Chinmoy in Augsburg.

Ungewöhnlich erschien mir das Tragen von weißer Kleidung bei der Meditation, kurzen Haaren, das Verbot von Alkohol und Zigaretten nicht. Vegetarische Nahrung sollte den Meditationseffekt verbessern. Niemand zwang mich dazu, mit dem Fleisch essen aufzuhören. Männer sollten sich nur mit Männern treffen und Frauen mit Frauen. Ein bisschen halt wie in einem Kloster. Der Kontakt sollte aber eben nicht weitergehen als Gespräche. Nach alter Hindugurutradition ist es eben so. Die eine Liebesenergie sollte von Lust zu Liebe und von Liebe zu Samadhi transformiert werden. Das ist natürlich nicht so einfach, vor allem wenn man jung ist und mitten in der Welt lebt.

Es wurde hierzu niemand gezwungen, doch der Wunsch nach Bemeisterung dieser Energie war deutlich spürbar. Dies setzte mich schon unter einen gewissen Druck. Die Asketen oder Mönche praktizieren auch Entsagung. Entsagung um der Entsagung willen scheint mir nicht richtig. Eher ist es eine Übung, um nicht den ständigen Versuchungen und Verlockungen der Welt ausgesetzt zu sein und um seine eigene Energie kontrollieren zu können und nicht von ihr kontrolliert zu werden. Das ist sicherlich mit eine der schwierigsten Übungen, da man sich ja nach Liebe und Zuneigung sehnt. Kann man mit dieser Übung fort fahren, so zentriert sich die Energie im Herzen und wird zu Liebe. Bis es wirklich Liebe ist, wird jeder aufrichtige Sucher selbst feststellen.

Jedenfalls gibt es durch den Verbot von Sex Probleme bei den Schülerinnen und Schülern, die dieser Regel nicht folgen und schließlich den Weg auch aus anderen Gründen verlassen. Es wird niemand aufgehalten oder verfolgt, wenn man den Weg verlässt. Es sollten nur keine Kontakte mehr stattfinden. Nach langer Zeit auf dem Weg, hat man hier natürlich Freunde, Bekannte, Gefährten, den Guru, dem man sich immer mehr ausliefert, liebt und hingibt. Das macht es schwer, sich davon zu trennen und kann bei manchen zu psychischen Problemen führen. Wichtig ist, so aufrichtig wie möglich zu sich selbst zu sein und zu sehen wo wir unsere eigenen Probleme haben und uns selbst im Wege stehen. Es war meine Entscheidung, den Weg von Sri Chinmoy zu verlassen und ich begab mich auf den Weg zu anderen Meistern und Lehrern. Hier muss man Eigenverantwortung für sein eigenes Leben übernehmen und nicht Schuld für meine persönlichen Probleme und Schwierigkeiten Sri Chinmoy oder dem Guru zuschieben.

Wir glauben, dass der Guru alles besser weiß. Doch er ist nur die Richtung, gehen müssen wir selbst. In den Gurutraditionen der Hindus wird der Guru als Stellvertreter Gottes gesehen und teils auch so verehrt. In Indien wird der Guru mit Gott gleich gesetzt und in Indien wirft man sich dem Guru zu Füßen. Es ist wichtig, diese Tradition zu verstehen. Ich habe und musste mich nie Sri Chinmoy zu Füßen werfen oder sonst irgendeine Huldigung durchführen. Dass man die Hände aus Respekt faltet und sich verbeugt, ist nicht nur den Hindus bekannt. Mit den Händen in der Hosentasche und Zigarette im Mund tritt man nicht mal seinen guten Freunden gegenüber.
Die Traditionen haben Ihren Wert, trotzdem müssen wir neu forschen, sagte mein Sufimeister Pir Vilayat Inayat Khan.

Nach einem Jahr Meditation schmeckte mir Fleisch jedoch nicht mehr und ich hörte von selbst mit dem Fleisch essen auf. Als Sportler hielt ich nichts von Alkohol und Zigaretten, weiße Kleidung verbessert die Meditationsatmosphäre und sieht gut aus, und kurze Haare hatte ich eh. Niemand zwang mich zur Meditation oder zu Geldabgaben, Spenden oder Arbeiten. Es war viele Jahre eine schöne, freundschaftliche Atmosphäre. Wir machten viel Sport gemeinsam, gingen auf Konzerttourneen, Treffen und Friedensaktionen und vieles mehr. Ich erinnere mich gerne daran zurück, weil es nur Freude und Sinn gab, tiefe Erfahrungen und Klarheit. So vergingen 13 Jahre fast wie im Flug. Jetzt, 2008, bin ich seit 11 Jahren unterwegs und mein Lernen hört nicht auf.

Die Atmosphäre bei Sri Chinmoy war immer sehr inspirierend und motivierend. Ein kraftvoller Körper wurde durch Sport, wie Laufen gefördert. Es gab Singgruppen, Musikgruppen, Theater, Zirkus und Kreatives. Alles von Sri Chinmoy inspiriert. Es waren alles in allem wunderschöne Erlebnisse mit der sehr starken Persönlichkeit von Sri Chinmoy, die mich oft faszinierte und manchmal hoffnungslos fühlen lies, da ich den Unterschied zwischen der Kraft, Inspiration und Ausstrahlung zwischen Ihm und mir erkannte. Für mich war es manchmal wie ein Wolkenkratzer neben einem Gartenhäuschen. Auch wenn ich nie ein Wort mit Ihm gesprochen habe, erhielt ich in vieler Hinsicht Inspiration, Kraft und Hilfe.

Natürlich war er streng. Disziplin, Ordnung, Ernährung, Zölibat. Ich fühlte mich oft wie ein Mönch, der in der Welt leben soll. Ohne die Hilfe, Disziplin, Kraft und Inspiration durch Sri Chinmoy wäre ich in meinem Leben nicht sehr weit gekommen. Ich kann mich an einige Situationen und Unfälle erinnern, die mein Leben nur durch ein Eingreifen einer Macht gerettet haben. Ich glaube und fühle, dass es Gott, in welcher Form auch immer, war, der mir trotz all meiner Naivität, Hilflosigkeit, Dummheit immer wieder geholfen hat.

Nur wenn man ganz ehrlich zu sich selbst ist, wird man genau sehen, was Gott für mich und andere getan hat. Ich glaube weit mehr, als wir in diesem Leben verstehen werden. Trotz auch beschwerlicher Zeiten in Krankheit, Verzweiflung und Einsamkeit, bin ich zutiefst dankbar für all die schönen Erfahrungen, Erlebnisse. Denn alles gehört zum Leben, wie es eben mal regnet und mal die Sonne scheint. Sieg und Niederlage, Gewinn und Verlust, Freude und Leid wechseln sich ab.

Meditation half mir, alles zu überstehen, ruhig zu bleiben in Zeiten der Ungewissheit und Zweifel. Es half mir, meine Perspektive zu erweitern und zu versuchen, den Dorn nicht im Auge meines Bruders zu sehen. Es half mir, zu sehen, dass jeder auf dem Weg ist und sein eigenes Päckchen mit sich trägt. Es half mir, Verständnis, Mitgefühl und Liebe zu entwickeln, Klarheit, Kraft, Ausdauer, Herz und Verstand und die Disziplin regelmäßig zu meditieren, den Körper fit zu halten. Meine Persönlichkeit ist zu ihrem Besten entwickelt worden.

Auf dem Weg lernte ich meine jetzige Lebensgefährtin kennen. Da ein Kontakt nicht erlaubt war, versteckte ich diese Verbindung für ein Jahr (wie vermutlich einige unter den Schülern). Da ich es innerlich nicht mehr aushalten konnte, sagte ich es nach einem Jahr dem Centerleiter und gern. Der Regel nach muss ein unverheirateter Mann, der eine Beziehung zu einer Frau eingeht, das Center verlassen.

Ein Meister kann jeden Schüler nur so weit bringen, wie es dieser verkraftet. So sind menschliche Schwächen auch bei Schülern verständlich.
Es gibt einige Meister und Lehrer, bei denen eine Beziehung erlaubt ist, und man wird ja nicht gezwungen bei Sri Chinmoy zu bleiben. Die Bindung ist nach 13 Jahren natürlich sehr stark und einige bekommen nach einer Trennung vom Meister, wie bei der Trennung von einem Partner, Depressionen, das ist verständlich. Aber wenn man den spirituellen Weg weitergehen will, wird man einen neuen Lehrer und neue Menschen finden.

Sri Chinmoy sagte, dass er seine Schüler weiterführen wird und so hatte ich nach dem
Weggang von Chinmoy einen Traum von einem Sufimeister, Pir Vilayat Khan. Sein Nachfolger ist sein Sohn Pir Zia Inayat Khan. Der Sufiweg ist in dem Sinne anders, dass der Sufimeister einfach nur ein Freund ist, kein Gott, kein Stellvertreter, nicht mal ein Guru. Zerschlage dein Idol auf dem Fels der Wahrheit, sagen die Sufimeister. Lasst uns das Leben besser verstehen und unsere Perspektiven unendlich erweitern in dieser herrlichen Schöpfung. Freiheit ist das letzte Ziel jeden Weges. Am Anfang steht Disziplin, Ordnung, Strenge und Askese, aber am Ende steht Freiheit, Mitgefühl und Verständnis, die Vollkommenheit von Liebe, Harmonie und Schönheit. Bis es so weit ist, lasst uns einander lieben und dienen und verzeihen.

Mein Herz ist immer wieder einmal bei Sri Chinmoy. An seinem Geburtstag singe ich seine Lieder und versuche hie und da ein bisschen dankbar zu sein. In der Zwischenzeit habe ich einige andere Meister und Lehrer getroffen. Jeder Meister und Lehrer hat seine bestimmte Art und Weise. Die Dinge sind weder gut noch schlecht, sie sind einfach wie sie sind, ohne zu beurteilen. Ich bin zutiefst dankbar für die Führung, Inspiration und Hilfe, die ich bei Sri Chinmoy, von anderen Meistern, schließlich von Gott immer wieder erhalte. Das Gras ist grün, der Himmel ist blau. Berge sind Berge und Flüsse sind Flüsse.

Herzliche Grüße

Gerhard Albrecht